2020_05_05 Zuschrift Dr. Gunter Ebel

Es geht nicht „nur“ um 19 Kleingartenparzellen – sondern um uns alle

Mit der Planung, Block 1 der Kleingartenanlage Wilmersdorf – Stadtpark I für Bauzwecke in Anspruch zu nehmen, stellt sich nicht nur für mich als Betroffenem die Frage nach der Wichtung politischer Entscheidungen. Wird Politik ausschließlich als kurzfristige, tagespolitische Entscheidungsfindung mit kleinen individuellen Lösungen betrachtet? Oder sind langfristige, ausgewogene Konzepte, welche alle gegenwärtigen und möglich absehbare Probleme berücksichtigen, Leitrichtung des politischen Handelns?

Gerade in den letzten beiden Jahren hat jeder durch den extremen Hitze- und Trockenstress Klimaveränderungen zu spüren bekommen. Dieses wirkt sich auf die gesamte Gesellschaft aus. Der Rückgang einzelner Arten von Flora und Fauna wird ungeachtet der Verantwortung jedes Einzelnen rasch spezifischen Berufsgruppen als vermeintlichen Schuldigen angelastet. Das ist zu einfach. Innerstädtischer Naturraum (Stadtgrün) wirkt sich erwiesener Maßen und wohl von keinem in Frage gestellt positiv auf das innerstädtische Mikroklima, auf die Förderung von pflanzlicher wie auch faunistischer Biodiversität (und somit auch Bienen- und Vogelschutz) aus. Zu diesem Stadtgrün zählen ebenfalls Kleingartenanlagen, welche „kostenlos“ von Einzelnen zu den oben benannten Vorteilen aller gepflegt werden.

Daher Block I und Stadtgrün erhalten.

In Berlin wie auch im gesamten Bundesgebiet konkurrieren in der öffentlichen Wahrnehmung die Themen wie Bienen- und Vogelschutz, Biodiversität, mit anderen gesamtgesellschaftlichen Anliegen: bezahlbarer Wohnraum, gut ausgestatte Schulen, Kultur, Gesundheitswesen, wirtschaftliche Entwicklung, etc. Damit werden Zielkonflikte schnell ersichtlich. Es stellt sich die Frage, ob wir mit 50-60 Jahre alten Konzepten drängenden gesellschaftlichen Anpassungen gerecht werden. Hierzu zählen u. a. Maßnahmen die der Klimaveränderung entgegenwirken. So gilt die übliche Praxis für Neu- bzw. Erweiterungsbauten immer wieder eine erneute Flächeninanspruchnahme (Flächenverbrauch) auch als altes Konzept. Keine Frage, oben erwähnte gesellschaftliche Anliegen sind bei Bedarf zu erfüllen. Allerdings ist das Wie entscheidend. Gegenwärtig beträgt der Flächenverbrauch in Deutschland ca. 58 ha je Tag. Damit wird das vorgegebene Ziel der Bundesregierung aus dem Jahr 2002 im Rahmen der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, den täglichen Zuwachs der Siedlungs- und Verkehrsfläche bis zum Jahr 2020 auf 30 Hektar zu reduzieren (Umweltbundesamt 2019), offenbar verfehlt. Im Rahmen der Neuauflage 2016 wurde zudem das Ziel formuliert, den Zuwachs bis zum Jahr 2030 auf „weniger als 30 Hektar“ zu begrenzen.

Daher Block I und Stadtgrün erhalten.

Flächeninanspruchnahme und Versiegelung reduzieren

Was sind Nutzungsalternativen um eine Flächeninanspruchnahme zu reduzieren und damit Stadtgrün zu erhalten? Diese Frage muss vor jedem Bauvorhaben konsequent seitens der Genehmigungsbehörden geprüft werden. In jedem Falle ist der Erhalt von Naturraum hier das entscheidende Kriterium. Das sehe ich bisher äußerst unzureichend umgesetzt. Gedanken für konzeptionelle Stadtentwicklung mit Rücksichtnahme auf den Erhalt von Stadtgrün:

  • Stadtraumplanung muss auf Erhalt von Naturraum ausgerichtet werden
  • Konsequente Verfolgung des Ziels leerstehende Wohnhäuser zu nutzen, „Eigentum verpflichtet“ – es kann nicht sein, dass Wohnhäuser mehr als 20 Jahre leer stehen bis hin zum Verfall (wie z. B. in Berlin-Steglitz)
  • Effektivere Nutzung bereits versiegelter Flächen
  • einstöckige Zweckbauten für Supermärkte, Baumärkte, Möbelhäuser etc. inklusive weiträumiger Parkflächen und am besten davon mehrere daneben– müssen der Vergangenheit angehören
  • konsequent sind Supermärkte mit in eine Wohnbebauung zu integrieren mit Berliner Traufhöhe, Parkplätzen – Tiefgarage
  • konsequent sind nur Baumärkte mit darüber liegenden weiteren Gewerbeeinheiten bzw. warum nicht auch Möbelhäuser bis zur Berliner Traufhöhe auszunutzen, Parkplätze Tiefgarage
  • konsequent sind Sporthallen und Schwimmbäder mit weiteren Nutzungen auf der gleichen Fläche zu planen – Schule über Sporthalle zusammen auf einer Grundfläche
  • denkbar sind auch Baumärkte und darüber Sporthallen
  • konsequente Datenführung – Abfrage eventueller Schließungen von Supermärkten, Schulen etc. und konsequente Weiternutzung von Bestand geht vor Neubau – leerstehende Gewerbebauten mahnen zuhauf
  • Inventarisierung von Flächen mit ineffektiver Bebauung (einstöckige Zweckbauten) und sukzessive Nutzung bei Bedarf dieser Flächen
  • auch das Rechtsystem ist demokratisch anpassbar bei veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (Bsp. Klimawandel)

Keine Frage, diese Maßnahmen verursachen höhere Planungs- und Investitionskosten. Das sind allerdings Investitionen in die Zukunft. Immer wieder sich vom reich gedeckten Tisch von vermeintlichen Freiflächen zu bedienen ist Raubbau am Stadtgrün. Auch wenn diese Flächen vor Jahrzehnten als Bedarfsflächen für Bebauung ausgewiesen wurden, muss das heute nicht umgesetzt werden – wider besseren Wissens bezüglich des Stadtklimas. Versiegelte Flächen hinterlassen einen toten Unterboden. Bei einer Entsiegelung ist das Risiko von hinterlassenen Schadstoffen sehr hoch und eine Nutzung als Pflanzenaufwuchsfläche nur mit höherem langfristigem Aufwand möglich.

Daher Block I und Stadtgrün erhalten.

Ich freue mich zukünftig auf eine konsequent nachhaltige Politik, die nicht tagespolitische Lippenbekenntnisse, sondern gesamtgesellschaftliche, zukunftsorientierte Lösungen anbietet. Die Zukunft sind die Kinder und Jugendlichen, die im letzten Jahr mit „Fridays for Future“ auf die Straße gegangen sind. Ja, Sie haben mit vielem Recht. Wo bleibt die Vorbildwirkung der Erwachsenen. Investitionen zum Erhalt von Stadtgrün mit Einbindung der jüngeren Generation ist Zukunftspolitik. Dafür tragen Kleingärten schon seit Jahrzehnten Verantwortung – Kleingärten sind Lernort.

Daher Block I und Stadtgrün erhalten.

Berlin ist eine grüne Stadt. Es ist alles zu tun – dass es langfristig so bleibt – ohne die anderen gesellschaftlich notwendigen Maßnahmen aus dem Auge zu verlieren. Möglichkeiten gibt es viele (s.o.). Berlin hat noch die Fähigkeiten mit der grünen Stadt im In- wie auch im Ausland für mehr innerstädtischen Klimaschutz zu werben. Kleingärten gehören dazu.

Daher Block I und Stadtgrün erhalten.

Gunter E., 4.5.2020

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